Roland Michel

  • 1963 in Trier geboren
  • Studium Kunstgeschichte und Philosophie
  • Freischaffend als Bildhauer seit 1987
  • Mitglied im BBK-RLP

Roland Michel, Flutaltar, Installation, 2021

Denkansätze zu der Entwurfsidee eines künstlerischen „Flutaltars“

Text: Roland Michel, Bildhauer

Am 14. und 15. Juli 2021 kam es zum sogenannten Jahrtausendhochwasser, vor allem in RLP und NRW. Im Ahrtal, im Kylltal und an weiteren Orten wie der Kiesgrube bei Blessem gab es nach andauerndem Dauer- und Starkregen Überschwemmungen von bisher nicht vorstellbaren Dimensionen: ca. 180 Todesopfer, Tausende überschwemmte Häuser, einige sogar von den Fluten direkt weggespült.
Die Flutereignisse treffen auf ein besonderes gesellschaftlich viel diskutiertes Themenumfeld. Vor dem Hintergrund des weltweit und insbesondere in Europa und Deutschland vieldiskutierten Klimawandels und den aktuellen politischen Weichenstellungen diesbezüglich bekamen sie einen besonderen Stellenwert.
Flutereignisse sind aber auch kulturell in sehr vielen Gesellschaften tief verankerte Grunderfahrungen und oft in Schöpfungsmythen verarbeitet worden. In der Sintflut wird dieses Thema auch moralisch begründet und mit der Vorstellung einer Vernichtung der Menschheit verknüpft. Die Idee, dass nur ausgewählte Gläubige diese überstehen, gibt es in vielen Kulturen und deren Sintflutsagen mit ihren jeweiligen religiösen oder gesellschaftspolitisch inspirierten Bedeutungszuschreibungen. Sie betreffen grundlegende Fragen kultureller Identität von Gesellschaften und Konstrukten von deren Zusammenhalt oder z.B. territorialen Ansprüchen etwa als Volk. Der existentiellen Grunderfahrung folgen soziokulturelle Änderungen oder Begründungen von Standards. In diesem Umfeld der Definition von neuen Normen versus tradierten Ansichten eröffnen sich auch künstlerisch vielfältige Perspektiven und Herangehensweisen für künstlerische Interventionen – den Grad an persönlicher Betroffenheit noch gar nicht erwähnt – viele Ateliers von Künstlern waren denn auch überschwemmt. Ist es möglich, aus den Flutrelikten einen künstlerisch inspirierten Neuanfang zu schaffen?
Die Kunstinstallation „project overflow 2021-w03 (Flutaltar)“ ist der Versuch in diesem Spannungsfeld von kultureller Kodierung und der Gewalt der Naturereignisse eine adäquate künstlerische Ausdrucksform zu finden. Dabei geht es um die Möglichkeit historisch aufgeladenes Material aus der Flut in ästhetischen oder inhaltlichen Bezug zu setzen: zu kulturellen Ableitungen oder Kontexten um im besten Fall neue Bezüge/Sinnzusammenhänge oder kreative Ausdrucksformen zu finden.

 

Material-Geschichte:
Bei dem verwendeten Material handelt es sich um Douglasienholzbretter, die von der Flut überschwemmt wurden. Sie tragen noch eine Ton-Schlammschicht als Ablagerung. Diese ist stellenweise bereits abgeplatzt und weist auch erste Spuren von dem Versuch sie abzukratzen auf. Die Bretter waren sägerauh geschnitten und zu einem Stapel ca. 100 cm x 100 cm Breite und etwas über einen Meter Höhe ohne feste Verbindung zusammen- gelegt. An vielen Brettern ist noch die Rinde zu sehen, so dass man die Dimension und den Verlauf des Baumstammes erahnen kann, aus dem sie im Sägewerk geschnitten wurden. Kurioserweise befand sich dieser Stapel nach der Flut – durch eine Strömungsbewegung an einer Mauer – einige Meter flußaufwärts an einer knapp zwei Meter höheren Stelle wieder – akkurat gestapelt.

 

Künstlerische Projektidee
Mit diesem „authentischen Material“ lässt sich ein mobiler „Flutaltar“ errichten und auch wieder abbauen. Die Konstruktionsweise ist so gewählt, dass es keine festen Verbindungen, wie Verleimen oder Verschraubungen gibt. Die senkrechten Bretter stehen frei und sind lose aneinandergelehnt. Sie müssen sich gegenseitig halten – konstruktiv formuliert: Die einzelnen Elemente stützen sich gegenseitig, indem sie entsprechend in der Schräge nach oben und im Winkel zueinander ausbalanciert werden. Dieses senkrechte „Brettmikado“ dient dabei auch einem weiteren konstruktiven Zweck. Denn die frei tragende Konstruktion wird nach oben von einer waagerechten Ebene abgeschlossen, die wiederum aus einzelnen Brettern mit Flutspuren besteht. Diese sind ebenfalls nicht fest verbunden, sondern frei aufliegend angebracht und von vorne betrachtet als Welle angelegt. Mit Blick auf den Titel „Flutaltar“ wäre dies demnach die Altarplatte – freilich in Wellenform. Ein Irritationspunkt gegenüber der meist assoziierten schweren Steinfassung eines Kirchenaltars: Das eher leichte Material Holz mit Rindeansätzen, unregelmäßig geschnittenen, die Flutspuren aus Schlamm, die Durchlässigkeit/Luftigkeit, das fragile, fragmentarische, vergängliche. Dieser mobile Tisch kann und sollte immer wieder neu aufgebaut werden. Hier sieht das Konzept einen partizipatorischen Ansatz vor: Besucher der Ausstellung sind aufgefordert ihn abzubauen und wieder aufzubauen: Das Chaos der losen Bretter zu ordnen, neue Zuordnungen zu finden und die einzelnen Elemente auszubalancieren. Dabei erweist es sich als empfehlenswert zu zweit oder mit mehreren die Herausforderung anzugehen, also zusammen anzupacken und nach konstruktiven Lösungen zu suchen um das Brettmikado auf- oder abzubauen und neue Formen zu finden. Dies trifft auch sinnbildlich die Funktion einer Tischkonstruktion: Sie dient traditionell als Präsentationsebene aber auch zum Zelebieren von Gemeinschaft, sei es familiär oder in religiösen Kontexten.

Ausstellungen (Auszug)

Verschiedene Einzelausstellungen
u.a. in Trier, Luxemburg, Köln, Wiesbaden, Mainz, Düsseldorf…

Kontakt

Roland Michel

Atelier:
(EG überflutet am 15.7.2021, ca. 150 cm):
Marienstraße 14 – 54664 Auw an der Kyll

Tel.: 06562-1333
mobil: 0151-27544460

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