Das Ahrtal war für mich noch keine Heimat. Ist durch die Flut eine geworden. Ich war erst 2 Jahre hier, die Natur hat mir in der Pandemie viel Geborgenheit und Ruhe gegeben. Die Flut erinnerte mich plötzlich an Bulgarien, meine Heimat – die Unruhe, das Gefühl der Hilflosigkeit und des totalen Umbruchs, die Spontanität, die Menschlichkeit…Alles das kannte ich. Ich fühle mich irgendwie auch wohl im Chaos. Aber es gab etwas Neues – ich war zum ersten Mal Betroffene, in der Kategorie der Betroffenen. Ich konnte selbst spüren, erleben und verstehen, wie der Körper und der Geist in einen anderen Modus einschalten, wenn etwas „Unfassbares“ plötzlich passiert. Und weil Sprache und Stimme meine Arbeitsmittel sind, wollte ich etwas ausprobieren, wo keine Bilder eine Rolle spielen, nur das Innere und das Zwischenmenschliche.

Diana Ivanova

Autorin, Kuratorin, Gruppentherapeutin, Trauma-Yoga-Therapeutin

Diana Ivanova arbeitet interdisziplinär als Autorin, Gruppentherapeutin, Trauma-Yoga-Therapeutin in Bonn seit 2012 und seit 2020 – in Bad Bodendorf.

2021 hat sie die Flut in Bad Badendorf selbst erlebt. Seit Januar 2022 macht sie den Podcast „89 Schritte“ – persönliche Gespräche im Ahrtal.

Diana Ivanova, geboren in Montana, Bulgarien, hat einen Master-Abschluss in Journalismus und Massenkommunikation der Universität Sofia. Sie spezialisierte sich auf Kulturmanagement am ICCM in Salzburg und später auf Gruppenpsychoanalyse am IAG in Bonn und Trauma-Yoga-Therapie mit dem Verein TSY(Traumasensibsle Yoga).

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen kollektives Trauma und Gedächtnis, psychische Folgen des Lebens in Unfreiheit, Frauen und Migration, neue Gruppen und Bewegungen, Geschichtenerzählen.

Sie hat zahlreiche europäische Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter den Europäischen Journalistenpreis „Writing for Central and Eastern Europe“ der Österreichischen Presseagentur (2005).

Sie ist Autorin und Co-Autorin mehrerer Bücher und Dokumentarfilme, darunter Trauma und Wunder: Portraits aus dem Nordwesten Bulgariens (2010), My Street: Cuban Stories ( 2010), How to Make a Bell ( 2009), I Lived Socialism: 171 Personal Stories (2006), My Street: 39 Stories with Streets (2006), The Town of Badante Women (Dokumentarfilm, Drehbuch, 2010), Listen (Dokumentarfilm, Drehbuch und Regie, 2014) ua.

Das Ahrtal war für mich noch keine Heimat. Ist durch die Flut eine geworden. Ich war erst 2 Jahre hier, die Natur hat mir in der Pandemie viel Geborgenheit und Ruhe gegeben. Die Flut erinnerte mich plötzlich an Bulgarien, meine Heimat – die Unruhe, das Gefühl der Hilflosigkeit und des totalen Umbruchs, die Spontanität, die Menschlichkeit…Alles das kannte ich. Ich fühle mich irgendwie auch wohl im Chaos. Aber es gab etwas Neues – ich war zum ersten Mal Betroffene, in der Kategorie der Betroffenen. Ich konnte selbst spüren, erleben und verstehen, wie der Körper und der Geist in einen anderen Modus einschalten, wenn etwas „Unfassbares“ plötzlich passiert. Und weil Sprache und Stimme meine Arbeitsmittel sind, wollte ich etwas ausprobieren, wo keine Bilder eine Rolle spielen, nur das Innere und das Zwischenmenschliche.

Diana Ivanova, 89 Schritte, Podcast, 2022

Gedichte

Mein Körper ist meine Heimat

dieses land
das wir heimat nannten
ist niemandsland geworden


und dieses land
das wir ausland nannten
ist niemandsland geworden
und stück für stück haben wir alle namen verloren


alles ist niemandsland geworden
nirgendwo zu hause
das sind wir


und genau dann
es ist so tief und traurig geworden
als wir tatsächlich wussten
dass wir nichts mehr haben
dass wir nichts mehr
als unseres beschreiben können
ist die erkenntnis gekommen

die haut
die alles spürt und erinnert
und das
was sich drunter versteckt
das wir bis jetzt einfach körper genannt haben
sind unsere heimat

wie konnten wir so lange uns blind werden lassen
dass es keine heimat mehr geben kann
dass alles niemandsland bleibt

wenn wir glauben
nichts mehr zu haben
vergessen wir zu singen und zu streicheln

vergessen wir das einzige
das unser ist
diese haut
diesen körper
meine und deine heimat

wassererkentnisse

wasser ist fest
überzeugend
direkt
mächtig
es kommt
ohne „bitte, darf ich, vielleicht ein anderes mal, gute nacht.“
ziemlich unhöflich
es spült weg was es will

gespräche freunde bekanntschaften
menschen dinge pläne
und gerüche
zuhause sein. beete mit kartoffeln und sauerampfer. die sommerfrische. die alten tagebücher meines schwiegervaters. die frische wäsche.
es bringt geschichten und objekte. eine maria-ikone. treibholz. gartenstuhl. das unerwartete gefühl von leichtigkeit. alte deutsche wörter, die ich plötzlich spüre. „blümerant“, so fühle ich mich jeden tag, mit den sterbenden kleinen erinnerungen.
…und noch kein labsal für uns, wanderer.

 

danach

dampfwolken
an der oberfläche
klares wasser
tanzend
fließt geräuschlos durch
das tal
der wald
nimmt einen atemzug und
lädt mich ein
ich staune und atme mit
eine dampfwolke vor
meiner oberen lippe an der
oberfläche
des zaubers

 

Singen für das Ahrtal

der geruch „nach uns“

Wenn wir nach Hause kommen,
riecht es nach uns.

Johannes Frasnelli, Geruchssinnforscher

ist verschwunden
man kann das unterschiedlich ausdrücken
ist weggeschwommen
wurde weggespült
mit dem estrich weggestemmt

es gibt so viele erklärungen

nirgendwo riecht es nach uns
nirgendwo ist unser zuhause

der geruch
dieser titan der erinnerung
dieser besitzer aller gefühle

diesen geruch „nach uns“
den ich nicht beschreiben kann
den vielleicht nur unsere katze ganz genau erinnern kann
diese mischung aus tausenden und ein fragmenten, sauerteigbrot, altmodisch roten fliesen, büchern mit notizen mit bleistift, altes papier, schokolade mit fleur de seil, roter pfeffer aus kambodzha, trockener roter wein aus bulgarien, geröstete sonnenblumenkerne und rote zwiebeln, der diffuser mit grapefruitöl, eiche, asche und kaminholz, getrocknetes salbei aus dem garten, desinfektionsmitteln, deine und meine haut, dein atem und mein atem…

dieser geruch „nach uns“
ist verschwunden

die wut ist die kleine schwester der flut

steigt in meinem körper
vom bauch bis brust und kopf
ohne warnung

sie bringt treibholz mit
aus allen häusern und
gärten
der vergangenheit

alle vorfahren
machen mit

ein familientreffen
in meinem körper

vielleicht
weil ich die kleine schwester
bin
fühlt sich das so
vertraut

manchmal spüre ich sogar wie
alle vorfahren
mit mir atmen
und
luft
bis zu meinen wurzeln
strömt

 

Singen für das Ahrtal

Kontakt

Diana Ivanova

Podcast: https://anchor.fm/diana0101
Website: divanova.org

 

Kontakt

E-Mail: art@hashtagahrt.de